Social Sabbatical

Die Veränderung geschieht hier

Im Jahr 2012 präsentierte SAP eine neue Aus- und Weiterbildungsmaßnahme für seine Mitarbeiter - das Social-Sabbatical. Ziel ist es, deren Fachwissen in Bereichen wie Strategie, Marketing, Kommunikation, IT, Finanzwesen oder Vertrieb zu nutzen, um gemeinnützige Organisationen und kleine Firmen in Schwellenländern zu unterstützen. Kleine Teams aus hoch qualifizierten SAP-Mitarbeitern helfen diesen Organisationen, Regierungsbehörden oder Bildungseinrichtungen dabei, geschäftliche oder organisatorische Herausforderungen zu lösen. Lesen Sie, wie Evan Welsh, Director of Global Media Relations bei SAP, gemeinsam mit zwei Kollegen, das Pilotprojekt im brasilianischen Belo Horizonte (BH) erlebte.

Neun SAP-Mitarbeiter aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen und fünf verschiedenen Ländern reisten im Juli 2012 für vier Wochen in die brasilianische Metropole BH, um sich dort ehrenamtlich bei gemeinnützigen Organisationen zu engagieren, drei davon bei ASMARE. Im Zentrum der Aktivitäten von ASMARE stehen die sogenannten Catadores (Müllsammler). Bereits seit über 50 Jahren gehören Müllsammler, meist Obdachlose, zum Stadtbild. Bis in die frühen 90er Jahre lebten und arbeiteten sie ohne jegliche Organisation, am Rande der Gesellschaft, in Armut, wurden diskriminiert, ignoriert, hatten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und das trotz der wichtigen ökologischen Rolle, die sie für die Erhaltung ihrer Umwelt spielten.

Komm, wie du bist
ASMARE wurde vor 22 Jahren von Dona Geralda mit Unterstützung des Verkehrsministeriums gegründet. Die heute 73-jährige verbrachte seit ihrem achten Lebensjahr einen Großteil ihres Lebens als obdachlose Müllsammlerin auf den Straßen von BH. Sie machte es sich einst zur Aufgabe für Not leidende Menschen zu kämpfen, die eine bessere Wohnsituation, Bildung sowie einen Zugang zu medizinischer Versorgung benötigen. Der Verein lebt von der Müllsammlung und -trennung und engagiert sich für die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Menschen am Existenzminimum. Pro Monat sammelt ASMARE in etwa 450 Tonnen Abfälle wie Papier, Pappe, Zeitschriften, Zeitungen, Aluminiumdosen, PET-Flaschen und Kunststoff. Nach der Trennung wird der Abfall komprimiert und aufbewahrt, bevor die einzelnen Stoffe in die Wiederverwertung gehen. Viele der heutigen Mitglieder von ASMARE waren obdachlos. Sie lebten in extremer Armut, manche waren alkohol- und/oder drogenabhängig und verbrachten teilweise auch Zeit im Gefängnis. Heute arbeiten rund 200 Mitglieder für den Verein und weitere 1.500 Menschen profitieren direkt oder indirekt von ihm. So betreibt der Verein Partnerschaften mit Unternehmen, Schulen, Wohnanlagen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Die Partner spenden das zu recyclende Material dem Verein und helfen gleichzeitig dabei, die Arbeitsplätze für die Sammler und Ex-Obdachlosen zu sichern. Über die Jahre hat es ASMARE geschafft, das Leben von Tausenden Obdachlosen grundlegend zu verändern, indem sie ihnen eine Ausbildung und einen rechtskräftigen Arbeitsvertrag gaben. So haben viele von Ihnen den Weg zurück in die Gesellschaft gefunden und können mit einem regelmäßigen monatlichen Einkommen wieder ein geregeltes Leben führen. „Die meisten von uns glauben an die Fähigkeit sich zu verändern. Zwar liegt noch ein weiter Weg vor uns, aber wir sagen den Catadores: komm, wie du bist – die Veränderung geschieht hier“ unterstreicht Dona Geralda.

Lebensgeschichten und Ziele
Während das Ziel von Evan Welsh und seinen beiden Kollegen aus der Ukraine und Kanada darin bestand, für ASMARE ein neues Logo, einen elektronischen Newsletter, einen Katalog mit allen Produkten und Dienstleistungen des Vereins sowie ein neues Webdesign zu entwickeln, waren es vor allem die unterschiedlichen Geschichten, die sie in unzähligen Gesprächen mit den Menschen vor Ort bewegt haben. Das kleine Team sprach mit Recycling-Profis, wie auch mit anderen, deren Leben mit der Arbeit der Catadores in der einen oder anderen Weise in Verbindung steht - unter ihnen Professoren für Betriebswirtschaft, Polizeibeamte, Taxifahrer, Reiseveranstalter und Anwohner. Sie wollten verstehen, wie es ASMARE schafft, einstigen Obdachlosen einen Weg zurück in die Gesellschaft zu bereiten. Eines dieser Beispiele ist Fernando Godoy. Der 41-jährige ist in Sao Paolo aufgewachsen und verbrachte bereits drei Jahre im Gefängnis und etliche Monate auf der Straße, noch bevor er sein zwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte. Er kam zu ASMARE um sich selbst zu beweisen, dass er die harte Arbeit der Catadores bewältigen kann – nachts auf den Straßen von BH den Müll zu sammeln und bei Tag die wertvollen wiederverwertbaren Materialien zu trennen. „Mein Leben hat sich von Wasser in Wein verwandelt“, sagt Fernando Godoy. Heute ist er Leiter der beiden Sammelstellen von ASMARE. Er ist bestrebt, ein gutes Vorbild für die anderen zu sein und versucht ihnen seine Erfahrungen zu vermitteln, damit sie nicht die gleichen Fehler begehen wie er. Nach Abschluss des Projektes musste Evan Welsh eingestehen, dass ASMARE nicht nur das Leben der Obdachlosen sondern auch sein eigenes Leben verändert hat. „Als ich vor 27 Tagen nach Belo Horizonte kam, hatte ich den Auftrag, einen Kommunikationsplan für ASMARE zu entwickeln, um die Organisation erfolgreicher zu machen. Dies haben wir in den zurückliegenden Wochen erfolgreich auf den Weg gebracht. Aber heute möchte ich noch mehr. Ich gehe jetzt mit dem Wunsch nach Hause, Veränderung im Leben vieler weiterer Catadores und anderer Menschen zu bewirken, die eines Tages bei ASMARE an die Tür klopfen und die Chance auf ein besseres Leben verdienen.“ sagt Evan Welsh.